„Hertha“ droht der Untergang

Andreas Wendt

Wusterhausen (MOZ) Dunkle Wolken ziehen für das 1886 gebaute Fahrgastschiff „Hertha“ am Horizont auf. Dem historischen Passagierdampfer, der dem Berliner Fußballklub Hertha Namen und Vereinsfarben gab, droht der Verkauf. Der Bundesligist schließt einen Kauf nicht aus.

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Peter Dentler treffen die Hiobsbotschaften von der Fahrgastschifffahrt Wusterhausen (Ostprignitz-Ruppin) wie ein Stich ins Herz. Die „Hertha“ steht vor dem Verkauf, dem Dampfer droht die Pleite, lauten die Schlagzeilen in den Medien. Mehr als ein halbes Jahrhundert war die „Hertha“ sein Kind. Der Unternehmer hat das Wrack in den 60er-Jahren aufgekauft und von Berlin nach Brandenburg geholt. „Dass es sich um den Gründungsdampfer von Hertha BSC handelt, haben wir erst Jahre später erfahren“, erzählt Dentler.

Seitdem tuckert die „Hertha“ beflaggt durch die Fahrgastschifffahrt Wusterhausen über die Kyritzer Seenplatte. Vor zwei Jahren trennte sich Dentler von seinem Baby und verkaufte den Dampfer und ein zweites Schiff an die Prignitzer Leasing AG. „Unter der Voraussetzung, dass beide weiter betrieben werden“, sagt der frühere Eigentümer. Doch Thomas Flemming, Geschäftsführer der Prignitzer Leasing AG, sieht schwere Zeiten auf die „Hertha“ zukommen. Zu wenig Touristen verirren sich nach seinen Angaben auf die beiden Schiffe. 3000 Passagiere im Jahr – die meisten davon gehen an Bord der moderneren „Neptun“. Die geschichtsbeladene „Hertha“ dagegen läuft vielleicht drei Mal aus, wie Steffen Hahlweg, Geschäftsführer der Fahrgastschifffahrt Wusterhausen, schätzt. Die bevorstehende Saison sei entscheidend für die „Hertha“.

Flemming wie auch Hahlweg wollen dem Dampfer die Treue halten, aber der Weg zu mehr Wirtschaftlichkeit des Oldtimers ist von Hindernissen gepflastert. An den sechs Stegen auf der Kyritzer Seenkette kann das alte Schiff nicht anlegen. Zum Passieren des idyllischen Waldkanals hat die „Hertha“ mit 1,40 Meter zu viel Tiefgang. „Der Kanal müsste ausgebaggert werden“, sagt Flemming, aber alle mit Kommunen entwickelten Konzepte seien versandet. Wenn nicht ein Wunder geschieht, wird es die letzte „Hertha“-Saison. „Wir prüfen, die Schiffe woanders fahren zu lassen, sie an eine andere Fahrgastschifffahrt zu übertragen oder sie zu verkaufen“, nennt Flemming die Alternativen. Der Fußballnarr will „das Schätzchen“ zwar gern behalten, nicht nur wegen der Historie, die sich um das Schiff rankt, sondern auch wegen seiner mit drei Decks einmaligen Bauart. „Aber wir brauchen die Hilfe der Kommunen, die wir bislang nicht bekommen haben“, sagt er.

Hilfe könnte aber aus der Hauptstadt kommen. Bernd Schiphorst, Aufsichtsratsvorsitzender von Hertha BSC, ist sich der Symbolik des Gründungsdampfers für seinen Klub bewusst. „Das ist ein Stück Vereinstradition“, betont er. In Berlin sei man am Schicksal des Schiffes interessiert, signalisiert er. Sollte das Schiff auf den Markt kommen, könne sich der Verein den Kauf durchaus vorstellen. Ein konkretes Verkaufsangebot an Ex-Eigner Peter Dentler gab es schon einmal – vor zwölf Jahren zum 110. Vereinsjubiläum von Hertha. „Uns war klar: Wenn wir das Schiff weggeben, muss ein anderes her“, erinnert sich Dentler – und lehnte ab. Zumindest kam er der Bitte nach, den Dampfer wieder unter seinem alten Namen „Hertha“ auslaufen zu lassen – der war mit dem Zweiten Weltkrieg abhanden gekommen. Von 1947 bis 1969 nannte sich das Passagierschiff in Anlehnung an die DDR-Pionierorganisation „Seid bereit“, 1971 verpasste Dentler dem Dampfer mit „Seebär“ wieder einen mehr maritimen Namen, bis er wieder zur „Hertha“ wurde.

Die Fußballfans der Hauptstadt erwecken nicht den Eindruck, als könnten sie ihre „Hertha“ retten, deren Name und einst blau-weißer Schornstein den Brüderpaaren Fritz und Max Lindner sowie Otto und Willi Lorenz Inspiration für den 1892 gegründeten Verein waren. Für die Auslastung des Schiffes sorgte 2013 die Konkurrenz aus Köpenick mit einer spektakulären Aktion: Ende September kaperten 114 Union-Fans in zivil den Gründungsdampfer von Hertha BSC. „Die waren super drauf“, erinnert sich Steffen Hahlweg an die außergewöhnliche Fahrt. Die Hertha-Anhänger sind zurückhaltender. „Dabei könnte das Schiff ein Pilgerort sein“, gibt Eigentümer Flemming die Hoffnung nicht auf.

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