TRADITIONSPFLEGE Bei Hertha kann man Tradition für Geld kaufen

Um das Schiff „Hertha“ nach Berlin zu holen, werden 3659 Gönner gesucht, die bereit sind jeweils eine AKtie für 399 Euro zu erwerben

Von Uwe Bremer   

Die „Hertha“ wurde 1886 gebaut, ist 22,82 m lang und 4,80 m breit. Der Motor leistet 2 x 50 PS                                                                                                   Foto: Reto Klar

Berlin.  Ob es um das Trikot geht, um das Logo oder die Vereinshymne – wer sich auf die Tradition beruft, dem ist der Beifall sicher. So funktioniert es seit Jahren auf den Mitgliederversammlungen von Hertha BSC. Die Versuche der Klubverantwortlichen, den Verein zu modernisieren – Stichwort Digitalisierung, neue Haltung, neue Spielstätte – werden von einigen Fans und Mitgliedern kritisch gesehen. Das Standard­argument dagegen lautet, dass die Veränderungen im Kontrast zur Tradition stünden. Jetzt steht der Härtetest für die Liebhaber der Tradition an.

1,46 Millionen Euro werden benötigt. Die sollen Fans, Mitglieder und Hertha-Liebhaber aufbringen. Die Zeit läuft: Bis zum 31. März soll das Geld beisammen sein, um den Namensgeber des Vereins, das Binnenmotorschiff „Hertha“ zu erwerben, von Brandenburg nach Berlin zu überführen und für den Einsatz als Traditionsschiff umzubauen.

1,46 Millionen Euro werden benötigt

Zu diesem Zweck haben Christian Wolter und Ingmar Pering, Präsidiumsmitglieder von Hertha BSC, die „1892ste Schiffsbetriebs GmbH & Co KGaA“ gegründet. Die gibt 3659 vinkulierte Stammaktien (nicht an der Börse gehandelt) aus, die für 399 Euro verkauft werden. Pro Interessent gibt es nur eine Aktie. „Damit wollen wir die größtmögliche Zahl an Interessenten erreichen“, sagt Wolter. „Wir wollen den Hertha-Fans nicht nur das Schiff zurückholen, sondern ihnen auch ermöglichen, Teil von dem Schiff zu werden.“

Das soll dadurch erreicht werden, dass der Name der 1892 Erstzeichner der Aktie auf dem Rumpf verewigt wird. Hertha wurde bekanntlich 1892 gegründet und bereitet sich auf das 125. Jubiläum vor, das am 25. Juli stattfinden wird. Der Legende nach hat Fritz Lindner, einer der Klub-Gründer bei der Suche nach einem Namen, ­“Hertha“ genannt – weil er kurz zuvor auf diesem Dampfschiff auf der Havel gefahren war.

Das Schiff soll im Juli in Berlin sein

Das Vorhaben ist anspruchsvoll. Aktuell liegt die „Hertha“ in Brandenburg auf der Kyritzer Seenkette. Das ist ein stehendes Binnengewässer, auf dem das Schiff, Baujahr 1886 (!), zuletzt mit einer Ausnahmegenehmigung gefahren ist. Der Dampfer, rund 100 Tonnen schwer, soll auf dem Wasserweg in Etappen von Ende März an nach Berlin gefahren werden und zum 125-jährigen Jubiläum im Museumshafen zu sehen sein. Die entscheidende Frage – wie sieht die Zukunft der „Hertha“ aus – hängt davon ab, wieviel der 399-Euro-Aktien verkauft werden. Gelingt es, die gesamte Tranche im Wert von 1,46 Millionen zu platzieren?

Die Rechnung sieht so aus: Der Kaufpreis beträgt 200.000 Euro. Für die Überführung nach Berlin sind 100.000 Euro veranschlagt. Die günstigste Nutzung in Berlin – von den Fans allerdings am wenigsten gewünscht – wäre die Aufstellung des Schiffs an Land: 25.000 Euro. Bleibt das Schiff stationär im Wasser an einem festen Liegeplatz, werden 150.000 bis 200.000 Euro fällig. Soll das Schiff umgerüstet werden für einen Charterverkehr: 500.000 Euro. Außerdem steht der Rückbau des mehrfach umgebauten Dampfers in den Zustand von 1926 auf dem Wunsch­zettel. Das kostet 400.000 Euro (bei stationärer Nutzung) und 700.000 Euro im Fahrbetrieb.

Präsident Gegenbauer unterstützt das Projekt

Hertha BSC hat, juristisch betrachtet, keine Verbindung zur „1892ste Schiffsbetrieb GmbH“, begleitet das Vorhaben aber wohlwollend. Präsident Werner Gegenbauer sagte: „Die Fans haben ihr Interesse am Schiff formuliert. Jetzt hängt es ­davon ab, ob sich das Interesse auch in Handlungen ausdrückt – wie viel ­Enthusiasmus ist bei den Fans da.“

Quelle: Berliner Morgenpost 

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