Hertha BSC Hertha-Gründungsschiff kommt zurück nach Berlin

Demnächst an Land unterwegs: der 130 Jahre alte Doppelschraubendampfer, der Hertha BSC einst den Namen gab.   Foto: Juergen Engler
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von Michael Jahn  Hertha BSC Experte

Exakt um 15.40 Uhr betätigt Johannes Bär zum letzten Mal das Schiffshorn. Mehrere lang gezogene Töne schallen über den idyllischen Klempowsee auf der Kyritzer Seenplatte. Es ist ein regnerischer Tag mit heftigen Windböen. Dann manövriert der Kapitän    das bekannte Ausflugsschiff geschickt in den alten Bootsschuppen am Ufer. Die „Hertha“ – 23,5 Meter lang, 4,80 Meter breit, angetrieben von zwei Maschinen mit je 90 PS – verschwindet für immer vom See am Örtchen Wusterhausen/Dosse. Etwa 6000 Menschen leben hier, knapp 100 Kilometer nordwestlich von Berlin, eine gute Autostunde entfernt.

Als das Schiffshorn ertönt, macht sich Melancholie breit bei einem Teil der Passagiere, die an der Schiffsanlegestelle zurückgeblieben sind und winken. 130 Leute, darunter knapp 30 Hertha-Fans aus Berlin, waren an diesem Sonntag, den dritten Advent, zuvor zweieinhalb Stunden an Bord. Man hätte bei dieser letzten Tour nach 45 Jahren Seenrundfahrten in Wusterhausen/Dosse viermal so viele Tickets verkaufen können, sagt Kapitän Bär. Traurig sind vor allem die Einheimischen, weil die Fahrten auf ihrem Revier nun in-frage gestellt sind. Sie verlieren eine Touristenattraktion.

Charme plus Abenteuer

Voller Hoffnung haben dagegen die Anhänger von Hertha BSC die Tour bei Bier, Glühwein und Piccolo-Sekt genossen, weil das Schiff, das ihrem Verein den Namen gab, im kommenden Jahr nach Berlin gebracht werden soll. Ingmar Pering, 51, Rechtsanwalt, und Christian Wolter, 55, Prüfingenieur und Kfz-Meister, beides langjährige Mitglieder des Präsidiums beim Bundesligisten, haben das Schiff erworben. Beseelt von dem Traum, es wieder auf der Spree fahren zu lassen. Da, wo es ihrer Meinung nach hingehört.

Als die „Hertha“ am Sonntagmittag zum letzten Mal ablegt, ist die Symbolik greifbar. Die Fans fotografierten emsig: Sie sind mächtig stolz auf das Schiff, das keinerlei Luxus bietet, aber rustikale Gemütlichkeit, den Charme der Siebzigerjahre und ein wenig Abenteuer. Welcher Fußballklub ist schon nach einem uralten Schiff benannt, dass auch noch nach 130 Jahren fahrtüchtig ist? Nur Hertha BSC.

Um die Begeisterung und auch den Wirbel um die „Hertha“ zu verstehen, die so häufig den Besitzer wechselte, muss man die Zeit zurückdrehen. Am 25. Juli 1892 gründeten vier junge Burschen, die Brüderpaare Lindner und Lorenz, auf dem Berliner Arkonaplatz einen Fußballverein. Fritz Lindner war zuvor mit seinem Vater auf einem Dampfer auf der Havel gefahren, der den Namen „Hertha“ trug. Der Ausflug hatte den Jungen schwer beeindruckt und fortan nannte das fußballbegeisterte Quartett ihren neuen Verein „Hertha“.

Im Nachhinein war es Glück, dass Lindner nicht auf einem der beiden Schwesternschiffe der „Hertha“ gelandet war. Die hießen „Concordia“ und „Dorothea“. Vielleicht würde dann jetzt ein Verein namens „Dorothea BSC“ Platz drei der Bundesliga zieren.

Spät entdeckte Tradition

Einer, der mit den Ton angibt an diesem Tag auf See, ist Thomas Flemming. Der erfinderische Unternehmer ist der Chef der Prignitzer Leasing-Gesellschaft aus Putlitz. 2012 erwarb er das Schiff von Peter Dentler, dem Mann, der die „Hertha“ einst vor der Verschrottung bewahrt hat. Der das Schiff hegte und pflegte und viele Jahre auch als launiger Kapitän über den See, an dem sein Grundstück liegt, schipperte.

Flemmings Firma verleiht beinahe alles – etwa Eisenbahnen, Kleinflugzeuge, Tiere und Maschinen. „Die Seerundfahrten waren nicht unser Kerngeschäft“, sagt Flemming, der einen Hertha-Sticker am Anorak trägt. Trotz rund 5 000 Passagieren im Jahr 2016 schaffte er keine Kostendeckung. Als er die „Hertha“ übernahm, habe er „gewaltig investiert.“ „Das Schiff hat viel Flair“, sagt er, „immerhin ist der robuste Rumpf noch vom Original von 1886.“ Flemming beklagt aber, dass in den zurückliegenden Jahren insgesamt zu wenige Fans nach Wusterhausen/Dosse gekommen sind. Manfred Sangel, Chef des Fanradios „Hertha-Echo“, entgegnet: „Das war eher Bequemlichkeit. Wer ein oder zwei Mal mitgefahren ist, hat ja nichts Neues mehr erlebt.“ Dennoch gibt es viele Anekdoten, die nun noch mal erzählt werden.

Lange wussten die Anhänger von Hertha BSC nichts von dem Schiff. Erst nach dem Mauerfall wurden Existenz und Standort publik. Sangel war dabei, als 1992 zum 100. Geburtstag des Vereins Anhänger das Schiff ehrfürchtig betraten. Oberfan „Pepe“ Mager, einst stadtbekannter Fanartikelhändler, sah die „Hertha“,  kniete vor ihr nieder und küsste den Rumpf. Kurioses passierte im September 2013: 118 Fans vom Rivalen 1. FC Union hatten das Schiff in Zivil betreten, warfen sich erst auf See in ihre rot-weiße Montur und beflaggten die „Hertha“ in den Vereinsfarben der Köpenicker. Es war eine friedliche Enterung.

Fast immer oben auf Deck genießt Roman Blank trotz Wind und Regenschauern die letzte Tour. Er ist der Bürgermeister von Wusterhausen/Dosse. Blank gönne den Hertha-Fans und dem Klub die Rückkehr ihres Schiffes. „Aber für uns ist es ein Verlust“, sagt er. Die „Hertha“ habe  das mühsam laufende Tourismusgeschäft angekurbelt. „Wir brauchen noch mehr Besucher in unserem Ort mit der wunderschönen Umgebung.“

Auch die beiden Hertha-Präsiden und neuen Bootseigentümer Ingmar Pering und Christian Wolter halten sich oben an Deck auf, in dicken Anoraks und symbolisch für die Fotografen am Steuer.  Pering genießt das „Kapitänsgefühl“ mit einer dicken Zigarre, Wolter erklärt das Vorhaben: „Im Frühjahr 2017 wird das Schiff, das rund 100 Tonnen wiegt, mit einem Kran an Land gehievt und danach in mehreren Etappen nach Berlin gefahren. Zum 125. Geburtstag des Vereins im Juli soll es möglichst auf der Spree ankern, vielleicht im Hafen an der Mühlendammschleuse.“

Schiffsaktien für Fans

Später kommt die „Hertha“ in eine Werft, wird renoviert und aufwendig fitgemacht für Fahrten auf fließenden Gewässern. Die Spree ist eben eine andere Herausforderung als die Kyritzer Seenplatte. Der Plan: Als Traditionsschiff soll es wieder fahren, als Charter- und nicht als Linienschiff. Finanziert wird vieles über Aktien der im Juni gegründeten „1892 Schiffsbetriebsgesellschaft GmbH & Co. KGaA“.  Die 1 892 Aktien gehen in den Verkauf, sobald die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) die Genehmigung erteilt. „Das Interesse bei Fans, Freunden und Vereinsmitgliedern ist groß“, sagt Wolter. Dann steht auch er am Ufer  und schaut der „Hertha“ hinterher, wie sie im Bootsschuppen verschwindet.

Eine Geschichte

1886: Der Doppelschraubendampfer wird in der Stettiner Werft Aron & Gollnow gebaut. Am 17. April 1886 erfolgt die Probefahrt. Der Dampfer wird auf den Namen „Hertha“ getauft. So heißt die zwölfjährige Tochter des Reeders Zwerner, die am 17. April Geburtstag feierte.

1889: Die Spree-Havel-Dampf-Schifffahrts-Gesellschaft Stern in Berlin übernimmt den Dampfer.

1950: Übernahme durch die Ostberliner „Weiße Flotte“ und Umbenennung in „Seid bereit“, dem Gruß der Jungen Pioniere in der 1949 gegründeten DDR.

1969: Der Dampfer wird ausrangiert und rostet in Stralau vor sich hin. Der Unternehmer Peter Dentler aus Wusterhausen/Dosse  entdeckt das Wrack, lässt es über Land zur Kyritzer Seenplatte ziehen und erneuert es mühsam in Eigenregie.

1971: Umbenennung in „Seebär“ und fortan für Seerundfahrten genutzt.

1976: Der Westberliner Schiffshistoriker Kurt Groggert erkennt im „Seebär“ ohne Zweifel die alte „Hertha“.

2002: Peter Dentler und Hertha-Präsident Bernd Schiphorst nehmen Kontakt auf. Das Schiff erhält wieder seinen alten Namen „Hertha“. Verkaufsgespräche scheitern immer wieder.

2012: Die Prignitzer Leasing-Gesellschaft aus Putlitz kauft das Schiff und betreibt es weiter.

2016: Die Hertha-Präsidiumsmitglieder Ingmar Pering und Christian Wolter erwerben die „Hertha“ mit dem Plan, das Schiff zurück nach Berlin zu bringen. Zum 125. Vereinsjubiläum im kommenden Juli soll es soweit sein.

– Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/25267762 ©2016

Ausgabe vom 13.12.2016

„Hertha“ droht der Untergang

Andreas Wendt

Wusterhausen (MOZ) Dunkle Wolken ziehen für das 1886 gebaute Fahrgastschiff „Hertha“ am Horizont auf. Dem historischen Passagierdampfer, der dem Berliner Fußballklub Hertha Namen und Vereinsfarben gab, droht der Verkauf. Der Bundesligist schließt einen Kauf nicht aus.

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Peter Dentler treffen die Hiobsbotschaften von der Fahrgastschifffahrt Wusterhausen (Ostprignitz-Ruppin) wie ein Stich ins Herz. Die „Hertha“ steht vor dem Verkauf, dem Dampfer droht die Pleite, lauten die Schlagzeilen in den Medien. Mehr als ein halbes Jahrhundert war die „Hertha“ sein Kind. Der Unternehmer hat das Wrack in den 60er-Jahren aufgekauft und von Berlin nach Brandenburg geholt. „Dass es sich um den Gründungsdampfer von Hertha BSC handelt, haben wir erst Jahre später erfahren“, erzählt Dentler.

Seitdem tuckert die „Hertha“ beflaggt durch die Fahrgastschifffahrt Wusterhausen über die Kyritzer Seenplatte. Vor zwei Jahren trennte sich Dentler von seinem Baby und verkaufte den Dampfer und ein zweites Schiff an die Prignitzer Leasing AG. „Unter der Voraussetzung, dass beide weiter betrieben werden“, sagt der frühere Eigentümer. Doch Thomas Flemming, Geschäftsführer der Prignitzer Leasing AG, sieht schwere Zeiten auf die „Hertha“ zukommen. Zu wenig Touristen verirren sich nach seinen Angaben auf die beiden Schiffe. 3000 Passagiere im Jahr – die meisten davon gehen an Bord der moderneren „Neptun“. Die geschichtsbeladene „Hertha“ dagegen läuft vielleicht drei Mal aus, wie Steffen Hahlweg, Geschäftsführer der Fahrgastschifffahrt Wusterhausen, schätzt. Die bevorstehende Saison sei entscheidend für die „Hertha“.

Flemming wie auch Hahlweg wollen dem Dampfer die Treue halten, aber der Weg zu mehr Wirtschaftlichkeit des Oldtimers ist von Hindernissen gepflastert. An den sechs Stegen auf der Kyritzer Seenkette kann das alte Schiff nicht anlegen. Zum Passieren des idyllischen Waldkanals hat die „Hertha“ mit 1,40 Meter zu viel Tiefgang. „Der Kanal müsste ausgebaggert werden“, sagt Flemming, aber alle mit Kommunen entwickelten Konzepte seien versandet. Wenn nicht ein Wunder geschieht, wird es die letzte „Hertha“-Saison. „Wir prüfen, die Schiffe woanders fahren zu lassen, sie an eine andere Fahrgastschifffahrt zu übertragen oder sie zu verkaufen“, nennt Flemming die Alternativen. Der Fußballnarr will „das Schätzchen“ zwar gern behalten, nicht nur wegen der Historie, die sich um das Schiff rankt, sondern auch wegen seiner mit drei Decks einmaligen Bauart. „Aber wir brauchen die Hilfe der Kommunen, die wir bislang nicht bekommen haben“, sagt er.

Hilfe könnte aber aus der Hauptstadt kommen. Bernd Schiphorst, Aufsichtsratsvorsitzender von Hertha BSC, ist sich der Symbolik des Gründungsdampfers für seinen Klub bewusst. „Das ist ein Stück Vereinstradition“, betont er. In Berlin sei man am Schicksal des Schiffes interessiert, signalisiert er. Sollte das Schiff auf den Markt kommen, könne sich der Verein den Kauf durchaus vorstellen. Ein konkretes Verkaufsangebot an Ex-Eigner Peter Dentler gab es schon einmal – vor zwölf Jahren zum 110. Vereinsjubiläum von Hertha. „Uns war klar: Wenn wir das Schiff weggeben, muss ein anderes her“, erinnert sich Dentler – und lehnte ab. Zumindest kam er der Bitte nach, den Dampfer wieder unter seinem alten Namen „Hertha“ auslaufen zu lassen – der war mit dem Zweiten Weltkrieg abhanden gekommen. Von 1947 bis 1969 nannte sich das Passagierschiff in Anlehnung an die DDR-Pionierorganisation „Seid bereit“, 1971 verpasste Dentler dem Dampfer mit „Seebär“ wieder einen mehr maritimen Namen, bis er wieder zur „Hertha“ wurde.

Die Fußballfans der Hauptstadt erwecken nicht den Eindruck, als könnten sie ihre „Hertha“ retten, deren Name und einst blau-weißer Schornstein den Brüderpaaren Fritz und Max Lindner sowie Otto und Willi Lorenz Inspiration für den 1892 gegründeten Verein waren. Für die Auslastung des Schiffes sorgte 2013 die Konkurrenz aus Köpenick mit einer spektakulären Aktion: Ende September kaperten 114 Union-Fans in zivil den Gründungsdampfer von Hertha BSC. „Die waren super drauf“, erinnert sich Steffen Hahlweg an die außergewöhnliche Fahrt. Die Hertha-Anhänger sind zurückhaltender. „Dabei könnte das Schiff ein Pilgerort sein“, gibt Eigentümer Flemming die Hoffnung nicht auf.

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